Entscheidende Weichenstellungen für eine zahn­gesunde Lebensweise erfolgen bereits im frühen Kindesalter, d.h. im Alter von bis zu zwei Jahren. Die physisch-emotionale Entwicklung des Kindes bringt in diesem Lebensabschnitt naturgemäß eine ganze Reihe von Veränderungen mit sich, die unmittelbar Auswir­kungen auf die Zahngesundheit haben: Es brechen die Milchzähne durch, damit einhergehend erfolgt die Um­stellung der Ernährung weg von der ausschließlichen Flüssigkost (Flasche/Stillen), und schließlich erfolgt bereits in diesem  Lebensabschnitt  die  Prägung  von  gesundheitsförderlichen  Verhaltensweisen,  zu denen auch die Zahnpflege gehört.

Für eine zahngesunde Lebensweise im Kleinkind­alter gelten einfache Prophylaxeregeln:

Mit dem Durchbrechen der Milchzähne sollten die­se von den Eltern ge­bürstet werden, damit das Kind an die Manipula­tionen im Mund gewöhnt wird. Die ganze Prozedur dauert morgens und abends ein bis zwei Minuten. Eine erbsengroße Menge Zahnpasta mit reduziertem Fluoridgehalt (d.h. Kinderzahnpasta mit 500 ppm Fluorid) wird dabei einmal täglich verwendet.

Sobald die Kinder aus üblichen Trinkgefäßen (Tasse, Becher, Glas) selbstständig Flüssigkeit zu sich neh­men können – das ist mit ca. 6 – 12  Monaten der Fall – sollten Saugerflaschen grundsätzlich nicht mehr verwendet werden, insbesondere nicht als Ein­schlafhilfe oder als Trostspender. Gleiches gilt auch für sonstige Trinkhilfen wie Schnabeltassen. Zunehmend essen die Kinder in diesem Alter nor­male häusliche Kost. Wenn diese mit fluoridiertem Speisesalz zubereitet wird, sollte auf die zusätzliche Gabe von Fluoridtabletten verzichtet werden.

Schließlich   sollte  die  erste  Vorstellung  beim Zahn­arzt  ebenfalls frühzeitig erfolgen, damit Risiken früh erkannt und beeinflusst werden können.

Diese einfachen, wenig zeit- und kostenintensiven Maßnahmen reichen völlig aus, was eine Vielzahl zahn­gesunder Kinder beweist. Allerdings zeigt nach neue­ren Untersuchungen aus den westlichen Industrie­staaten jedes fünfte Kleinkind Frühformen kariöser Schädigung (white spots) an den Milchzähnen, bei jedem zwanzigsten Kind treten bereits Karieseinbrüche (Kavitationen) auf, d.h. der Kariesschaden ist dann irreversibel.

Meist handelt es sich dabei um die sogenannte Saugerflaschenkaries, eine rasch verlaufenden Sonder­form der Karies bei kleinen Kindern, die maßgeblich durch sehr häufige Zufuhr von Kohlenhydraten (gesüßte Tees und Fruchtsäfte insbesondere aus Kunststoff­saugerflaschen) verursacht wird. Charakteristisch ist, dass immer die Glattflächen der Oberkieferfrontzähne zuerst von Karies befallen sind. Darüber hinaus zeigen sich auch auf allen übrigen Zähnen auffällig starke Plaque-Ansammlungen, was auf eine fehlende Zahnreinigung hinweist. Bei Fortbeste­hen der zahnschädlichen Ernährungs- und Hygiene­gewohnheiten kommt es zur völligen Zerstörung der Milchzähne.

Durch Fluoridgabe – z.B. in Form von Tabletten oder Lacken – kann dies nicht kompensiert werden, worüber weitgehend wissenschaftlicher Konsens be­steht. Die Lebensqualität der Kinder ist infolge der Zahnzerstörungen nachhaltig beeinträchtigt. Eltern berichten, dass die Kinder schlecht essen, quengelig sind, nachts nicht durchschlafen, häufiger infektanfällig sind usw., was letztlich auch die übrigen Familienmitglieder belastet. Wenn die Milchzähne erst zerstört sind und Schmer­zen verursachen, lassen die Kinder – was gut nach­vollziehbar ist – keine Zahnreinigung mehr zu. Der Teufelskreis aus Schmerzen, Putzverweigerung und der Vermeidung kauzwingender Nahrung mit noch mehr Plaque-Ansammlung, wodurch die Zahnzerstörung weiter beschleunigt wird, ist dann geschlossen.

Wie erreicht man Kleinkinder, die ein erhöhtes Kariesrisiko bzw. bereits Kariesdefekte aufweisen, mit prophylaktischen/therapeutischen Maßnahmen? Hierzu gibt es verschiedene Ansätze, wobei klar ist, dass im Kleinkindalter die Eltern primär als Zielgruppe anzu­sprechen sind.

Erfahrungen aus Skandinavien zeigen, dass nur eine möglichst komplette Erfassung und Betreuung von Schwangeren und Müttern mit Neugeborenen das Problem der frühkindlichen Karies lösen kann. Es er­folgt dabei eine Zuweisung von „Problemfamilien“ zu bestimmten Zahnärzten/kommunalen Kliniken, welche die Eltern von der Geburt des Kindes an begleiten.

Das Vorsorgeprogramm beinhaltet dabei:

  • Informationen über das Zahnen
  • Beratungen zur Kariesentstehung
  • Hinweise zur Ernährung
  • Warnungen vor typischem Fehlverhalten
  • das Einüben von Mundhygienetechniken
  • die richtige Fluoriddosierung und -verabreichung

In Deutschland gibt es in einigen Kammerbezirken (z.B. in Sachsen-Anhalt) Vorsorgepässe, die in den Geburtskliniken ausgeteilt werden und Eltern zur Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen (FU) beim Zahnarzt anregen sollen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Betroffenen den Zahnarzt aktiv aufsuchen, was gerade bei den Risikogruppen oft nicht geschieht. Hinzu kommt, dass die gesetzlich vorgesehene Möglichkeit zur Durchführung einer FU ab dem 30. Lebensmonat für die Vermeidung der für das Kleinkindalter typischen Saugerflaschenkaries zu spät greift. In Bayern werden die Vorsorgepässe beim Zahnarzt bereit gehalten.

Wenn Kleinkinder mit erhöhtem Kariesrisiko bzw. mit Kariesdefekten beim Zahnarzt vorstellig werden, muss umgehend eine Therapie eingeleitet werden. Diese beinhaltet:

  • Ernährungsberatung und sofortige Einstellung der häufigen Kohlenhydratzufuhr
  • Plaque-Anfärbung und Mundhygienetraining für die Eltern
  • Optimierung der Fluoridverabreichung in Abspra­che mit dem Kinderarzt
  • kurzfristige Kontrolle der Verhaltensänderung (nach ca. 1 bis 2 Wochen)
  • ggf. akute Schmerzbeseitigung und zügige Ein­leitung der definitiven Sanierung
  • anschließend Recall (viermal jährlich) mit Intensiv­prophylaxe

In Fällen mit ausgeprägter Saugerflaschenkaries wird die Sanierung aufgrund des Alters nur in Narkose durchgeführt werden können. Alle behandlungsbedürf­tigen Zähne werden dann mit einem Mal versorgt, wobei oft nur noch die Extraktion der zerstörten Zähne als Therapie bleibt. Den Kindern geht es nach solchen Eingriffen in der Regel wesentlich besser als zuvor, aller­dings bleiben mittelfristig Einschränkungen bei der Sprach- und Kieferentwicklung, denen später durch logopädische oder kieferorthopädische Interventionen entgegengewirkt werden muss.

Quelle: Prof. Dr. Christian Hirsch, Leipzig